Lesetipp des Monats > August 2010

Γ Der Otherland-Buchtipp

Paul McAuley
Der stille Krieg

In der nicht allzu fernen Zukunft ist die Erde nach einem umfassenden Klimakollaps vollkommen zerstört. Die Menschheit hat sich in zwei Fraktionen aufgespaltet: Die auf der Erde verbliebenen drängen sich in den wenigen Städten und haben die ökologische Sanierung des Planeten zu einer neuen Religion erhoben. Ihnen gegenüber stehen die Außenweltler, die die Monde von Jupiter und Saturn besiedeln und dort radikal-demokratische Gesellschaften gründen. Sie experimentieren mit den Grenzen des Menschseins selbst.

Als ein gemeinschaftliches Projekt zur Schaffung eines künstlichen Ökosystems von Unbekannten sabotiert wird, verschärfen sich die Spannungen zwischen Erde und Außensystem. Ein Krieg droht auszubrechen. Die Biologin Macy Minnot und die Gentechnikerin Sri Hong-Owen geraten zwischen die Fronten eines Konfliktes von galaktischem Ausmaß.

Mit Der stille Krieg verfasst Paul McAuley den ersten Band einer groß angelegten Weltraumsaga. Die Welt, die er beschreibt, erscheint wie eine nur geringfügig in die Zukunft gedachte Version unserer eigenen. Doch McAuley beabsichtigt nicht, apokalyptische Visionen zu zeichnen. Vielmehr stellt er sich der universellen Frage, wie Kriege entstehen.

Mit subtilem Scharfsinn und einem kriminalistischen Gespür für Spannungsaufbau konstruiert McAuley verschiedene Gesellschaftsmodelle und legt dabei gleichzeitig ihre Schwächen bloß. Bei allem Posthumanismus geht es ihm dabei letztlich immer darum, die Untiefen menschlichen Denkens und Handelns auszuloten. Ein wunderbares Science-Fiction-Gemälde einer möglichen Zukunft, brillant und feinsinnig erzählt! [Sara Riffel]


Γ Der Otherland-Comictipp

Moebius
Arzach
Die hermetische Garage

Nachdem Jean Giraud bereits hunderte Seiten der Western-Serie Blueberry nach den Szenarien von Jean-Michel Charlier gezeichnet hatte und diesem Genre für damalige Verhältnisse schon so manchen Stilbruch zugefügt hatte, lief er Anfang der 70er Jahre vollends Amok. Hatten Erfahrungen mit psychedelischen Pilzen in der mexikanischen Wüste auch schon die Arbeit an Blueberry beeinflusst, brachen sich halluzinogene Tendenzen nun in Dutzenden SF-Kurzgeschichten Bahn. So zum Beispiel in den hypnotischen und größtenteils wortlosen Bildfolgen von Arzach, in denen man einen stummen Krieger auf einem Flugsaurier über Wüstenlandschaften hinwegfliegen und seltsame Abenteuer erleben sieht.

In dieser Phase seines Schaffens entwickelte Moebius seine Geschichten nicht nach einem vorkonzipierten Szenario, sondern quasi direkt aus der Bewegung des Zeichenstifts heraus. Das kommt nun alles ziemlich wirr, experimentell und unverschämt daher − und genau das ist es auch. Vor allem in der Hermetischen Garage, einer längeren Erzählung um die Figur des Major Grubert, dem Weltraumforschungsreisenden mit dem altbritischen Spitzhelm auf dem Kopf, schlägt der ungedrosselte Improvisationsstil voll durch. Was für den Leser bedeutet, dass er sich durch allerlei Grillen durchkämpfen muss und ständig von neuen Wendungen, Geniestreichen und Absurditäten überrascht wird.

Das mag erst einmal gewagt klingen, aber gerade in diesen wilden Werken aus den Siebziger Jahren beweist Moebius sein Genie, denn trotz aller Improvisation brilliert er mit Hintergründigkeiten, mit erzählerischen Kunstkniffen und Akrobatenstücken und Bildern, die bis heute eine ungemeine Sprengkraft haben. Mit ihnen hat Moebius dem Comic insgesamt einen großen Gefallen getan, denn nachdem er diese Kunst so genial und meisterhaft − und nicht zuletzt auch erfolgreich − zerlegt hatte, war auch für andere Künstler der Weg zu größerer Expertimentierfreude gebahnt, und die Liste der Fans, zu denen auch Künstler wie Stan Lee und Mike Mignola zählen, sagt viel über die Wirkungsmächtigkeit dieser SF-Geschichten aus. Wer keine Angst vor optischen Drogen hat und richtig weggedröhnt werden möchte, der sollte sich unbedingt einen Moebius einwerfen. [MaK]