Wenn deine Welt zu klein ist - Otherland Berlin

Vom Übersetzertisch: Grady Hendrix' Horrorstör

Geschrieben am | (0) | Horror, Lesetipp, Von Jakob

Cover

Jakob hat Grady Hendrix' Horrorstör ins Deutsche übersetzt

Ich bin ja gar nicht so der Gag-Buch-Typ. Wenn das Cover parodistisch ist, dann sagt ein kleines pessimistisches Stimmchen in mir: "Na, das wird dann wohl der Witz gewesen sein, und den jetzt auf 200 Seiten ausgewalzt ...?" Aber ich hätte Horrorstör wohl nicht übersetzt und würde diesen Artikel nicht schreiben, wenn meine Befürchtungen auf dieses Buch zugetroffen hätten.

Bei Horrorstör hatte ich das Vergnügen, zur Übersetzung bereits eine gedruckte Ausgabe des Originals vorliegen zu haben (was längst nicht immer so ist). Und das mit dem Vergnügen ist ganz wörtlich gemeint, denn die Gestaltung des Buches – in der englischen wie in der deutschen Ausgabe – ähnelt in geradezu unheimlicher Weise der des Katalogs einer bekannten Möbelhauskette. Wie gesagt bin ich ja nicht so der Gag-Typ, aber das schicke Möbel-Stillleben auf der Titelseite mit Artikelbezeichnungen und Preisangaben hat mir schon ein Schmunzeln entlockt, dass noch ein bisschen breiter wurde, als ich die schön „in plain view“ versteckte Horroranspielung auf dem Cover entdeckte. Beim Durchblättern findet man dann nicht nur ein Bestellformular, sondern auch Möbelabbildungen mit Werbetexten, die weiter nach hinten zunehmend verstörend werden: Hat man am Anfang noch das zum entspannten Feierabend einladende Brooka-Sofa, stößt man gegen Ende auf Artikel wie die Rotationsmaschine Littabod, die „die Urkräfte der Natur nutzbar macht und sie gegen deinen Körper wendet“. Die Reise geht also vom Moderne-Kleinfamilien-Paradies in den Folterkeller, und beide liegen nur eine Handbreit Dunkelheit auseinander.

Das Schönste an der ganzen Gestaltung ist aber doch, dass sich darin ein Roman versteckt, der von einem kleinen, feinen Ensemble skurriler, neurotischer, durchschnittlich verrückter Personen bevölkert wird und sie in eine schleichend absurder und furchteinflößender werdende Situation wirft. Hendrix folgt dabei einem ganz klassischen Horror-Aufbau, bei dem sich das Grauen schon auf den ersten Seiten andeutet, von den Protagonisten aber so lange erfolgreich rationalisiert wird, bis sie wirklich keine andere Wahl mehr haben, als anzuerkennen, dass dunkle Kräfte es auf ihr Leben und ihre Seele abgesehen haben …

Natürlich kommt ein Großteil des Humors in Horrorstör aus dem Clash der freundlichen, hellen Konsumwelt eines modernen, familienfreundlichen Möbelhauses mit den finsterblutigen Eingeweiden der menschlichen Seele. Wirklich lustig und wirklich (im besten Sinne) grausig wird das Buch aber dadurch, wie es seine Figuren aufeinanderprallen lässt. Sie alle arbeiten beim Möbelhaus Orsk, der Bühne, auf der der Schrecken seinen Lauf nimmt. Während manche bloß ihren Job abreißen und nicht auffallen wollen, haben andere ihren Lebenssinn in der Orsk-Familie gefunden, während wieder andere längst keine andere Wahl mehr haben, als sich mit Leib und Seele Orsk zu verschreiben – und sie alle werden bei ihrem nächtlichen Abstieg in die Tiefen des Möbelhauses damit konfrontiert, welche gewaltige und grausame Macht jene Institution namens ARBEIT über ihre Seele ausübt.
Obwohl Horrorstör eine Komödie bleibt, schleicht sich hier ein thematischer Ernst ein, der dem Horror ganz hintertrieben Wucht verleiht. Plötzlich geht es um entmenschlichende Arbeitsregimes und brutale Durchsetzung sozialer Normen – und alles, was in der kreischenden Clive-Barker-Hölle dieses Buches unverstellt zum Vorschein kommt, findet sein Spiegelbild in der freundlichen, taghellen Möbelmarkt-Welt.

Was mich zu einem verstörenden Fazit bringt: Denn ich hatte Spaß bei der Arbeit, dieses Buch zu übersetzen, ganz ehrlich. Allerdings kommen einem die Worte „Spaß bei der Arbeit“ nach der Lektüre dieses Buches nicht ohne ein leichtes Gefühl der Beunruhigung über die Lippen … der Grund dafür lässt sich in der gebotenen Kürze gar nicht so leicht erklären, aber ihr werdet ihn kennen, wenn ihr Horrostör gelesen habt. Das solltet ihr nämlich tun, und zwar nicht nur als Horror- oder Möbelmarkt-Freaks.

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