Wenn deine Welt zu klein ist - Otherland Berlin

Die Wortmagier von Erdsee im Otherland

Geschrieben am | von Simon (Kommentare: 0)

Am Donnerstag den 29. November 2018 hatten wir die vorletzte kleine, feine Leseveranstaltung dieses Jahres in unserem Bücherstadl. Diesmal las jedoch kein Autor, sondern Karen Nölle, die Übersetzerin von The Dispossessed (Freie Geister) und der ersten drei Erdsee-Romane von Ursula K. Le Guin. Moderiert hat den Abend Nadine Püschel, und einmal wurde auch Hans-Ulrich Möhring das Lesewort erteilt, der dann eine Stelle aus Tehanu, dem vierten Erdsee-Roman, den er übersetzt hat, zum Vortrag brachte.

Eingeleitet wurde die Veranstaltung erst einmal mit dem Auszug eines Textes, den Ursula K. Le Guin häufig bei ihren eigenen Auftritten verlesen hat: „Darf ich mich vorstellen?“. Der provokante Kommentar ist in ganzer Länge in Karen Nölles Übersetzung auf tor-online zu finden.

Zwischen den im weiteren Verlauf gelesenen Textstellen aus Erdsee und Freie Geister kamen im Gespräch mit Nadine Püschel und aufgrund von Publikumsfragen dann allerlei Themen rund um Le Guin und die Übersetzung zur Sprache: 18 Seiten Glossar für die Übersetzung von Erdsee-Eigennamen, die mitunter ganz schön knifflig sind; das Märchenhafte, aber doch sehr Direkte, Schnörkellose von Le Guins Sprache erfordert große Disziplin beim Übersetzen; die Gestaltung und Darstellung der Landschaften hat sich Karen Nölle erst so richtig erschlossen, als sie mit der Autorin Steens Mountain im Südosten Oregons besuchte, ein Ort, an dem Le Guin jedes Jahr einen Urlaub verbracht hat.

Nach den ersten drei Erdsee-Büchern hatte Le Guin angefangen, sich für Feminismus zu interessieren. Nachdem ihre Fantasy-Saga bisher der Konvention folgend mehr oder weniger zu einer Männersache geraten war, konnte sie aus der neuen, feministisch aufgeklärten Perspektive heraus nicht mehr gleich daran anknüpfen. Es dauerte sechzehn Jahre, bis sie in der Lage war, in Tehanu mit der Stimme einer Frau der Erdsee zu sprechen. Und die von Hans-Ulrich Möhring gewählte Stelle aus diesem Teil der Buchreihe illustriert kraftvoll und poetisch, wie klug und differenziert Le Guin sich mit dem Thema auseinandergesetzt hat.

Natürlich kam auch die Frage nach dem deutschen Titel ihres großartigen SF-Romans The Dispossessed auf: „Freie Geister“, aber das Geheimnis dieses Titels möchte ich an dieser Stelle denn doch nicht verraten, das soll jenen vorbehalten sein, die an dem Abend im Publikum saßen.

À propos Publikum: Wir waren erfreulicherweise auch an diesem Abend wieder voll besetzt, unsere Stühle, die wir für die Veranstaltung aus dem finsteren und kalten Otherland-Dungeon für ein paar Stunden befreit haben, haben gerade so gereicht. Und aus den Reihen der Zuhörer, nämlich von Memoranda-Herausgeber und –Autor Hardy Kettlitz kam dann auch noch der für mich interessante Einwurf, dass Le Guin in der DDR die westliche SF-Autorin schlechthin war. Anscheinend waren mehr Titel von Le Guin im Osten Deutschlands verlegt als von irgendeinem anderen englischsprachigen SF-Autor, und dementsprechend bekannt und beliebt war sie.

So bedauerlich es ist, dass Ursula K. Le Guin in diesem Jahr gestorben ist, so wohltuend ist es, dass sie und ihr Werk wieder in aller Munde sind, dass wir full house haben, wenn nicht sie, sondern „nur“ ihre Übersetzerin bei uns liest, dass ihre Geschichten und Sprachkunstwerke immer noch inspirieren und provozieren. Und umso verdienstvoller die Arbeit von Karen Nölle und Hans-Ulrich Möhring (und nebenbei auch Sara Riffel, die ebenfalls an der Übersetzung der Erdsee-Reihe beteiligt war, aber bei der Veranstaltung nicht teilnehmen konnte), die mit so viel Kenntnis und Feingefühl dafür sorgen, dass Le Guins „Botschaften“ auch einem deutschsprachigen Publikum zugänglich gemacht werden.

Nach guten zwei Stunden gab es den Schlussapplaus, und ich glaube, die meisten gingen angeregt nach Hause und werden demnächst wahrscheinlich mal wieder eines der Bücher von Le Guin in die Hand nehmen. Ziel erfüllt!

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