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Frisches aus dem Geschäft

Lizenz zu knechten

| von | (Kommentare: 1)

Über die versuchte Rücknahme der Open Game License

Die Rollenspieler unter euch haben wahrscheinlich schon etwas von der in den letzten Wochen tobenden Debatte um die Open Game License mitbekommen. Kurz: Im Jahr 2000 hat der D&D-Verlag Wizards of the Coast (WotC) eine Lizenz herausgegeben, die es anderen Verlagen explizit erlaubt hat, Rollenspiele und Supplements auf Grundlage des D&D-Regelkerns zu entwickeln und zu verkaufen, ohne dafür Lizenzgebühren zu bezahlen. Es ist zwar strittig, ob so eine Lizenz überhaupt jemals gebraucht wurde, um D&D-kompatibles Material zu veröffentlichen, oder ob sie mehr dem „Peace of Mind“ diente – als Versprechen seitens WotC, dass sie nicht versuchen, einen zu verklagen, wenn man sich an die in ihr dargelegten Regeln hält (dazu hier Cory Doctorow). In jedem Fall hat die „Open Game License“ zu einer Explosion D&D-basierter Rollenspiele geführt, und unter anderem das erfolgreiche Pathfinder ist auf ihrer Grundlage entstanden. Auch D&D selbst hat gewaltig profitiert, denn zahlreiche andere Verlage haben dazu beigetragen, dessen dritte und später fünfte Edition zum Standard-Rollenspiel schlechthin zu erheben. Und selbst Verlage, deren Rollenspiele nicht das Geringste mit D&D zu tun haben, verwenden die OGL als Lizenz, um ihre Inhalte für Dritte nutzbar zu machen. Haufenweise vor allem kleine Rollenspielverlage haben ihre Existenz auf dem Versprechen seitens WotC aufgebaut, dass die OGL für immer gilt und dass sie sie nicht zurücknehmen können, selbst wenn sie es wollten.

Genau das – die OGL zurückzunehmen – scheint WotC aber jetzt zu versuchen. Eine Anfang Januar geleakte neue Version der OGL umfasst zahlreiche Änderungen, darunter das Recht seitens WotC, die Lizenz mit einer Vorwarnzeit von 30 Tagen beliebig anzupassen, ein umfassendes License-Back (das heißt, wer unter der neuen OGL veröffentlicht, gibt WotC zugleich das Recht, alle selbst entwickelten Inhalte in dem eigenen Produkt nach Belieben und unentgeltlich zu verwenden) sowie die Verpflichtung, WotC die Einnahmen mit dem Produkt offenzulegen und gegebenenfalls Lizenzgebühren zu zahlen (die allerdings wegen der hohen Schwelle wohl vor allem dazu dienen sollen, ernsthafte Konkurrenten wie das genannte Pathfinder aus dem Feld zu drängen). Der wichtigste Punkt aber: Die bisherige OGL soll durch die neue „de-authorized“ werden, also nicht mehr gültig sein. Ob das überhaupt geht und welche Verlage und Produkte es genau betreffen würde, darüber müssten sich im Zweifelsfall die Anwälte streiten …

All das sehen viele als Teil einer Strategie von WotC, möglichst viele Rollenspieler:innen an ihre Online-Plattform D&D Beyond zu binden, die dann vor allem über digitale Microtransactions Gewinne abwerfen soll – wahrscheinlich ginge es für D&D damit tendenziell weg vom klassischen Pen&Paper und hin zu einem Spiel- und Vermarktungskonzept, dass eher an MMORPGs erinnert. Können sie natürlich versuchen, im Moment sieht es aber danach aus, als ob sie im gleichen Zug in der Pen&Paper-Landschaft verbrannte Erde hinterlassen wollen.

WotC ist zwar seither ein Stück weit zurückgerudert und hat versprochen, die neue OGL noch einmal auf den Prüfstand zu stellen, aber das Vertrauen der Community ist zumindest vorerst verspielt. Zahlreiche Verlage, die auf Grundlage der OGL arbeiten, haben angekündigt, die neue OGL auf keinem Fall anzunehmen und sich lieber von allen Inhalten zu trennen, die als intellektuelles Eigentum von WotC interpretiert werden könnten. Paizo Publishing, der Verlag von Pathfinder, hat angekündigt, eine eigene „Open RPG Creative License“ (kurz ORC, Link) zu entwickeln, die Verlage nutzen können, um Inhalte freizugeben – die ORC soll die Funktion der OGL übernehmen, aber mehr Rechtssicherheit bieten. Dafür hat Pathfinder sich bereits mit zahlreichen anderen Verlagen vernetzt, unter anderem Chaosium, Green Ronin, Kobold Press, Goodman Games …

Wir als Buch- und Rollenspielladen beobachten all das mit gemischten Gefühlen: Einerseits sehen wir, dass zahlreiche Rollenspielverlage gerade durch WotC in eine existenzielle Krise gestürzt werden; andererseits freuen wir uns über die kämpferischen Reaktionen, die hoffen lassen, das die Krise auf mittlere Sicht tausend Blumen blühen lassen wird – denn mal ehrlich, die D&D-Monokultur, die in den letzten Jahren entstanden ist, war auch ein bisschen langweilig … und schließlich ist der Weg Richtung digitale Inhalte und Kundenbindung per Abo, den WotC anscheinend mit D&D einschlagen möchte, für uns als Buchhandlung ohnehin uninteressant.

Andererseits ist die aktuelle D&D-Edition mir Abstand das Rollenspiel, das wir am meisten verkaufen – und „Abstand“ heißt hier etwa zehnmal so viel wie so ziemlich jedes andere Rollenspielprodukt. Wenn sich der Rollenspielmarkt (wieder) diversifiziert, heißt das also auch, dass der sichere Umsatz im Rollenspielsortiment weg ist, dass wir mehr experimentieren müssen und wahrscheinlich auch mehr Ladenhüter sammeln werden …

Insgesamt sehen wir die Dinge für uns optimistisch: Es macht auf jeden Fall mehr Spaß, interessante neue Produkte aufzuspüren und anzubieten, als einfach einen Stapel des gerade aktuellen D&D-Titels hinzulegen und abzuverkaufen … auch jetzt ist das ja schon der Bereich, in den in Sachen Rollenspiel unser Herzblut fließt.

Für alle, die finden, dass es Zeit ist, mal was anderes auszuprobieren als D&D, hier ein paar Vorschläge aus der unmittelbaren Nachbarschaft:

Pathfinder: Die aktuelle 2nd Edition ist ein bisschen crunchiger als D&D5, aber die Grundlagen sind vertraut, und das Pathfinder-Haus-Setting Golarion ist eine wunderbar vielfältige High-Fantasy-Welt. Wir nehmen Pathfinder gerade wieder ins Sortiment auf, und bald solltet ihr die Grundbücher auf Deutsch und auf Englisch in unseren Regalen finden.

Dungon Crawl Classics – Einfach ein wunderbar schräges Gonzo-Fantasy-RSP, das den Bogen von den Anfangstagen in die Gegenwart schlägt. Auch hier sind viele Mechanismen D&D-vertraut, bekommen aber immer noch einen unberechenbaren Twist dazu. DCC gehört ohnehin schon zu unseren Lieblingsrollenspielen, die wir auf Deutsch und auf Englisch im Sortiment haben.

Der Schatten des Dämonenfürsten – Wenn ihr gut auf Grimdark zu sprechen seid: Ein hervorragend gestaltetes eigenes Regelsystem, das zwar an D&D erinnert, aber ein gutes Stück einfacher und flexibler ist, und eine dem Untergang geweihte Dark-Fantasy-Welt, die mit einem guten Schuss abgründigen Humor dann doch sehr verdaulich ist. Auf Deutsch haben wir es im Sortiment, die Originalausgabe können wir ebenfalls beschaffen.

Dungeon World – Stark von D&D-Tropes inspiriert, aber „Powered by the Apocalypse“, also von einem einfachen, erzählerischem und improvisationsfreundlichen Regelsystem angeboten. Ein großer Teil des dicken Regelbuchs besteht aus hervorragenden Ratschlägen zu einem freien, offenen Stil der Spielleitung. Haben wir auf Deutsch und im englischen Original vorrätig.

Old School Essentials – ein auf den Punkt gebrachter „Klon“ der ersten D&D-Edition mit ihren vielen kleinen und großen Eigenheiten wie der Verwendung unterschiedlicher Probenmechanismen für unterschiedliche Probenarten. Viele schwören drauf, ich gebe zu, dass ich den Reiz der Regeln hier nie ganz kapiert habe – aber selbst ich kann nicht anders, als mich vor der liebenswert-verschrobenen Gestaltung und dem tollen Abenteuermaterial dieses Rollenspiels zu verneigen.

… und das sind nur die D&D-nahen Rollenspiele, die uns auf die Schnelle einfallen – wenn es was ganz anderes sein darf, ob nun RuneQuest oder Call of Cthulhu, Blue Rose oder Bluebeard‘s Bride, ob das Alien- oder das Expanse-Rollenspiel, ob Cyberpunk Red oder Shadowrun, ob das Mittelerde- oder das Witcher-Rollenspiel, kommt ihr am besten zum Stöbern zu uns. Egal, wohin sich D&D entwickelt und welche offenen Lizenzen in Zukunft für kreativen Austausch zwischen Verlagen und Autor:innen sorgen, es gibt in jedem Fall noch haufenweise toller Pen&Paper-Rollenspiele zu entdecken!

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Kommentare

Kommentar von Kuschel-Lord |

Ich finde Düngen ja auch cool, und Dung sowieso, aber es sollte trotzdem nicht "Dungon Crawl Classics" heißen...

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