Wenn deine Welt zu klein ist - Otherland Berlin

Otherland goes Warschau

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Nebel über Warschau

Auf Einladung des Goethe-Instituts war das Otherland – vertreten durch mich – am Freitag, dem 25. November, Gastredner auf einer Veranstaltung in Warschau, bei der das Konzept der „Nischenbuchhandlung“ vorgestellt wurde …

Soviel vorweg: Es ging überraschend heiß her, denn ganz offensichtlich brannte den zahlreichen im Publikum anwesenden Buchhändlern und Verlegern einiges unter den Nägeln, was eher am Rande mit dem Veranstaltungsthema zu tun hatte. Um so interessanter war der Abend für mich – so habe ich einige Eindrücke von den Sorgen und Nöten der „Small Players“ in Polens Buchwelt mitnehmen können.

Die erste große Überraschung kam kurz nach meiner Ankunft in Warschau – das gerade unter einer dichten Nebelglocke lag –, beim ersten Gespräch mit der Leiterin des Warschauer Goethe-Instituts. Da erwähnte sie so ganz nebenbei, dass die kleinen Buchhandlungen in Polen derzeit sehr besorgt seien, weil ja demnächst Amazon nach Polen expandieren wolle … ich fragte nach: „Wie? Amazon ist noch nicht in Polen?“ Nein, wurde mir beschieden, man habe zwar andere Online-Händler, aber ein Amazon.pn gäbe es (noch) nicht. Was mich daran richtig verblüffte, war auf den zweiten Blick eher meine Verblüfffung. Ein Land, wo es kein Amazon gibt, das klingt für mich inzwischen schon wie ein Land, in dem es kein Telefon gibt … so schnell geht das mit der Akzeptanz veränderter Lebenswirklichkeiten!

Nach dem Vorgespräch machte ich noch einen Bummel in Richtung Warschauer Altstadt und stellte fest, dass gefühlt jedes fünfte Geschäft eine Buchhandlung war – darunter fand sich auch oft die Kombination Café/Buchhandlung. So schlimm konnte es also doch wohl nicht um die kleinen Buchhandlungen Polens bestellt sein? Oder war ich hier mitten im Bücherviertel Warschaus gelandet?

 

LeGuin in Warschau

Mit der Veranstaltungsmoderatorin Karolina Krakowska, Mitarbeiterin der Buchhandlung des jüdischen historischen Instituts in Warschau, ging ich dann noch in einem dieser Bücher-Cafés einen Kaffee trinken und fand mich direkt neben einer polnischen Ausgabe von Ursula K. LeGuins Erdsee-Romanen und von Peter Wohllebens Das geheime Leben der Bäume wieder. Fast wie zuhause, also …

Anschließend traf ich mich zu einem frühen Abendessen und Interview mit dem freien Journalisten Michal Zygmunt, der sich dann im Gespräch als Auch-Autor entpuppte. Letztendlich habe ich ihn etwa genauso viel interviewt wie er mich und war ziemlich betrübt, dass keiner seiner Romane, die mir er als „politisch mit einer Spur SF“ beschrieben hat, in deutscher oder englischer Übersetzung vorliegt. Der Philip K.Dick-Fan hat mir nicht nur noch einen hochinteressanten Tipp zu einem mir noch unbekannten SF-Regisseur mitgegeben, sondern auch erwähnt, dass er 2017 zur Recherche für seinen nächsten Roman einige Wochen in Berlin sein wird – das Buch ginge um einen Hertha-BSC-Spieler, der in einen Wettskandal verwickelt sei und zusehen müsse, wie einige seiner Wettvorhersagen plötzlich auf rätselhafte und verstörende Weise einträten … yupp, der zweite Teil des Satzes klingt doch angemessen Dickianisch!

Dann ging‘s weiter zur eigentlichen Veranstaltung – ich sollte das Konzept der „Nischenbuchhandlung“ am Beispiel unseres Ladens vorstellen; als zweiter Gast neben unserer Moderatorin Karolina war noch Piotr Seweryn Rosół auf dem Podium, der Inhaber der Warschauer Buchhandlung MiTo, die gleichzeitig auch Kunstgalerie, Blumenladen und Café ist (leider bin ich nicht mehr dazu gekommen, ihr einen Besuch abzustatten). Ich hatte ehrlich gesagt ein bisschen Angst, saß da doch ein Publikum von Buchhändlern und Kleinverleger vor mir, von denen die meisten wahrscheinlich dreimal soviel Berufserfahrung hatten wie ich. Warum hörten die mir eigentlich alle so aufmerksam zu? Okay, mein natürlicher Charme (sowie das hinter mir an die Wand projezierte Foto, auf dem Wolf vor unserer SF-Wand breit in die Kamera lächelt) wird sicher auch dazu beigetragen haben … vor allem war der Grund aber etwas, das man mir erst im Gespräch nach der Veranstaltung verraten hat: Das Konzept einer auf bestimmte Themen spezialisierten Buchhandlung ist in Polen wohl praktisch unbekannt – anscheinend versuchen wohl auch kleine Buchhandlungen in der Regel, das volle Programm abzudecken und setzen dabei auch stark auf die gängigen Bestseller.

Letzteres kritisierten die anwesenden Vertreter eines Zusammenschlusses von Kleinverlagen, und zwar mit ziemlich scharfen Worten: Die kleinen Buchhandlungen machten die Kleinverlage kaputt, hieß es, indem sie die gleichen Bestseller stapelten wie alle anderen, sich nur für Neuheiten interessierten und dafür, ihre Buchhandlungen mit Café-Bereichen aufzumotzen. Das wollten viele der Anwesenden Buchhändler natürlich nicht unwidersprochen stehen lassen – und so flammte eine Diskussion auf, bei der ich erst einmal am Rande blieb und ganz in Ruhe zuhören konnte. Irgendwann wurde mir dann wieder der Ball zugespielt, man fragte mich, wie bei uns das Verhältnis von Neuheiten und Backlist, von Groß- und Kleinverlagen im Sortiment sei … und beneidete mich und alle anderen deutschen Buchhändler um die Buchpreisbindung. Über die bin ich, nach dem, was ich an dem Abend in Warschau gehört habe, auch mal wieder ziemlich glücklich – denn ich glaube, einen großen Teil der existenziellen Probleme, mit denen sich die Buchhändler in Polen herumschlagen, hätten wir ohne sie auch …

Ob ich mit meinen Otherland-Erfahrungen wirklich etwas zur Lösung dieser Probleme beitragen konnte, weiß ich nicht – zumal die Warschauer Buchhändler da anscheinend ohnehin schon sehr aktiv sind; so gibt es einen Zusammenschluss von 60 inhabergeführten Buchhandlungen in Warschau. In jedem Fall habe ich mich gefreut, dass auf der Veranstaltung eine geradezu hitzige Diskussion zwischen Kleinverlegern und Buchhändlern losbrach, die auch nach dem Ende des offiziellen Teils fortgeführt wurde. Ob ich da jetzt irgendwie als Katalysator oder Projektionsfläche fungiert habe oder nur im richtigen Moment Zuschauer war, jedenfalls hatte ich das Gefühl, dass da gerade was für diese Leute Relevantes passiert und ich dabei sein kein.

Hinterher gab‘s noch Plaudern und Weintrinken mit den Dolmetschern und Mitarbeitern des Goethe-Instituts aus Warschau und Istanbul, da ging es mit Galgenhumor um das unerfreuliche Thema diverser unzurechnungsfähiger Regierungen und die Frage, wer demnächst lieber von wo nach wo auswandert … insgesamt war es also ein spannender Abend weit jenseits des wohlanständigen und gelangweilten „Ach ist ja interessant“-Kopfgenickes, vor dem ich mich insgeheim gefürchtet hatte.

Am nächsten Tag ging es dann noch mal länger in die Altstadt; unterwegs sah und dokumentierte ich Souvenirs in der weite Teile der Welt verbindenden Universalsprache (die weder Englisch noch Esperanto heißt, sondern Star Wars). Dann machte ich einen Abstecher auf eine historische Buchmesse, auf der Karolina einen Stand hatte – trotz oder vielleicht auch wegen ihrer Warnung, dass es sich traditionell um eine rechtsnationale Veranstaltung handele und sie selbst dort jedes Jahr mit irr dreinschauenden Verschwörungstheoretikern diskutieren müsse, die Anstoß an der jüdischen Literatur an ihrem Stand nähmen. Auch hier gab‘s wieder einen interessanten Einblick in die polnische Bücherwelt, denn Karolina erklärte mir, dass historische Literatur in Polen weitgehend eine Domäne der Rechtskonservativen sei. Die Massen von Soldaten und Kampfflugzeugen auf den Buchumschlägen ließen mich ahnen, dass an dieser Behauptung wohl was dran ist …

Schließlich hetzte ich noch durch das neue jüdische Museum Warschaus – was zugegebenermaßen für den Popo war, weil ich sowieso nur mit halber Aufmerksamkeit bei der Ausstellung war, während meine andere Hirnhälfte dauernd auf Uhren schielte und sich fragte, ob ich meinen Zug noch kriegen würde.

Hängengeblieben ist bei mir, dass man es als kleiner Buchhändler in Deutschland recht gut hat, und dass ich bald wieder einen Abstecher nach Warschau machen will. (vorzugsweise, wenn die Bauarbeiten auf der Bahnstrecke beendet sind, denn die derzeitige Umfahrung über Frankfurt-Oder und Erkner ist ein echter Anschluss-Spießrutenlauf.) Und sei es nur, um in einem schönen Café bei einem Heißgetränk neben einem Stapel Bücher von Ursula K. LeGuin zu sitzen.

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Kommentar von Janik |

Uh. Guter Artikel. Wusste z.B. nicht, das die Buchpreisbindung nur (wieder) ein deutsches Phänomen ist.

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